Schwerpunkt Allgemein, Zusammenwachsen

Weihnachten – jetzt erst recht!

Gedanken von Reinhard Feuersträter, dem Leiter des Fachbereichs „Christliches Pfofil“ im Elisabeth Vinzenz Verbund, zur Adventszeit.


Liebe Kolleginnen und Kollegen,

noch dauert es einige Wochen bis zum Weihnachtsfest − das sind die Tage des Advents. Aber je mehr ich mich Weihnachten nähere, denke ich: Weihnachten – jetzt erst recht. Die Welt gerät – so scheint es mir – völlig aus den Fugen. Wir sehen Flüchtlingsströme, Angst vor dem Fremden, Krieg, Naturkatastrophen, Zerstörung, das Auseinanderfallen unserer Gemeinsamkeiten an Werten und Anschauungen, ein „Ich komme zuerst“, Wut und Zerstörung, Misstrauen und Unsicherheiten, eine sich immer schneller verändernde Welt mit ständig neuen Anforderungen.

Und in diese Zeit hinein sollen wir singen vom „holden Knaben mit lockigem Haar und von der Idylle einer „fröhlichen, seligen, gnadenbringenden Weihnachtszeit“. Stimmt das, was wir an diesen festlichen Tagen tun? Ist das stimmig? Oder machen wir uns für einige Stunden, einige Tage etwas vor? Was aber sonst tun? Verstummen oder weitersingen? Klagen oder feiern?

Für mich gibt es nur eine Antwort: Weihnachten – jetzt erst recht! Weil wir dieses Fest mit seinen Visionen und Hoffnungsbildern brauchen. „Ohne Visionen verkommt der Mensch“ – heißt es im Buch der Sprichwörter, im Alten Testament der Bibel. Wenn wir uns nicht eine Welt ohne Hass und Krieg vorstellen; wenn wir uns nicht ausmalen, wie ein friedvolles und vertrauensvolles Zusammenleben im Kleinen wie im Großen gelingen könnte; wenn wir keine Vision haben, wie eine Gemeinschaft aussehen müsste, in der man fair, ehrlich und gerecht miteinander umgeht – dann verkommen wir. Dann dümpelt unser Leben ziellos und orientierungslos vor sich hin. Dann versinken wir in Lethargie und Gleichgültigkeit. Deshalb. Weihnachten – jetzt erst recht!

„Ohne Visionen verkommt der Mensch.“

Weihnachten – jetzt erst recht, weil wir den Geburtstag des Menschen feiern müssen, der wie kein anderer durch sein Handeln und sein Verhalten gezeigt hat, wie ein gutes und respektvolles Zusammenleben der Menschen aussehen könnte. „Worte belehren, Beispiele begeistern“ – lautet ein altes Sprichwort.

Und genau das ist der Schlüssel zum Leben dieses Jesus, der da in Bethlehem geboren wurde. Was er sagt, das tut er auch. Wie er auf seine Mitmenschen zugeht, ist faszinierend. Wenn er sie berührt, geraten sie in Bewegung. Er motiviert zu Solidarität und Nächstenliebe. Deshalb darf dieser Geburtstag nicht ausfallen. Weil wir diesen Friedenstraum, diese Hoffnung auf ein gerechtes Zusammenleben nicht aufgeben dürfen. Weil wir nicht leben dürfen ohne die Überzeugung und Vorstellung, dass es eine Welt geben kann − im Kleinen, wie im Großen − die menschlich gestaltet ist.

„Wenn einer allein träumt, dann ist es nur ein Traum. Wenn viele gemeinsam träumen, ist es der Beginn einer neuen Wirklichkeit.“

 

Weihnachten – jetzt erst recht! Weil wir mit unserer Sehnsucht nach Leben nicht allein bleiben wollen. Weil wir spüren möchten, dass andere den Traum des Friedens mit uns zusammen träumen. „Wenn einer allein träumt, dann ist es nur ein Traum. Wenn viele gemeinsam träumen, ist es der Beginn einer neuen Wirklichkeit“, sagt der lateinamerikanische Bischof Dom Helder Camara.

An Weihnachten rücken wir zusammen und erleben – im wahrsten Sinne des Wortes hautnah – dass viele sich eine solche friedvolle, menschliche Welt wünschen. Und wir bestärken uns gegenseitig in unserem Vertrauen, dass sich in der Welt etwas ändern kann, wenn viele sich die Vision des Geburtstagskindes zu Eigen machen. Das gemeinsame Feiern am Weihnachtsfest sollte ein Versprechen sein, miteinander unseren Traum zu leben. Unsere Welt ist keine heile Welt – wem sage ich das. Ob wir die Nachrichten anschauen, uns in der Nachbarschaft umsehen oder auch in unseren Einrichtungen.

Aber umso mehr müssen wir an Weihnachten die Sehnsucht wachhalten nach mehr Frieden und Mitmenschlichkeit. Nach offenen Gesprächen und gegenseitigem Respekt. Denn ohne eine solche Vision verkommen wir.

Ich wünsche uns, dass wir die Tage des Advents bis zum Weihnachtsfest nutzen können, uns gegenseitig in diesem Traum von einer besseren Welt zu stärken, im Vertrauen darauf, dass damit schon eine neue Wirklichkeit begonnen hat. Weihnachten – jetzt erst recht!

Ich wünsche uns den Mut dazu. Der Advent lädt dazu ein.

Diakon Reinhard Feuersträter ist Leiter der Abteilung Seelsorge, Leiter Fachbereich „Christliches Profil“ im EVV, Krankenhausseelsorger, Pastoralpsychologe, Notfallseelsorger, Sozialpädagoge, Supervisor DGfP / KSA sowie Bistumsbeauftragter für Krankenhauspastoral & Palliativmedizin im Bistum Magdeburg.

Foto Reinhard Feuersträter: Marco Warmuth
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