Schwerpunkt Allgemein, Christliches Profil, Menschlichkeit verbindet, Zusammenwachsen

Wie ein Leitbild lebendig wird: Im Gespräch mit Diakon Reinhard Feuersträter

Menschlichkeit verbindet – der Wahlspruch des Elisabeth Vinzenz Verbundes beschreibt den Zusammenschluss von mittlerweile 15 Krankenhäusern im gesamten Bundesgebiet aus einer besonderen Perspektive. Denn es sind nicht nur die Synergien, abgestimmten Prozesse und betriebswirtschaftlich nachweisbaren Vorteile für Leistung und Ertrag, mit denen ein Krankenhausverbund Stärke und Stabilität beweist.

Im Wesentlichen verbindet die Einrichtungen des Elisabeth Vinzenz Verbundes das Ziel, christliche Ideale in der Gesundheitsversorgung vor Ort lebendig zu halten.

Mehr als Medizin: Mitfühlende Unterstützung

Das Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara Halle (Saale) gehört zu den größten Einrichtungen im Elisabeth Vinzenz Verbund. An den beiden Standorten des Krankenhauses im Herzen der Stadt Halle ist zu sehen, wie aus dem Willen einer Ordensgemeinschaft, die christliche Botschaft der Nächstenliebe im Leben der Menschen konkret erfahrbar werden zu lassen, ein leistungsfähiges und für die Zukunft aufgestelltes Krankenhaus mit mehr als 1.200 Beschäftigten entstehen kann.

Dabei geht es um mehr als die bestmögliche medizinische Versorgung durch eine engagierte Ärzteschaft und Pflege. Mitfühlende Unterstützung für jeden Menschen, der Hilfe benötigt – das ist der Anspruch, an dem sich das katholische Krankenhaus seit nunmehr 120 Jahren misst.

Jeder kann diesen Anspruch im Leitbild des Hauses nachlesen – und doch sind es erst die konkreten Geschichten, die Projekte und die Persönlichkeiten im Krankenhaus, die ihn greifbar werden lassen.

„Halt geben, Haltung zeigen“. Aus der Kampagne, deren Motive an der Fassade in direkter Nachbarschaft der Franckeschen Stiftungen, einem historischen Kern des europäischen Sozialwesens, weithin sichtbar sind, ist ein zusätzlicher Wegweiser für die Beschäftigten des Hauses geworden.

 

Um den Anspruch des Hauses konkret zu beschreiben, lohnt sich ein Blick auf die Menschen, die mit ihrem täglichen Dienst hinter dem Kampagnenversprechen „Mehr als ein Krankenhaus“ stehen.

Auf Spurensuche in der Krankenhausseelsorge

Für diesen Beitrag hat uns unsere Spurensuche in die Krankenhausseelsorge geführt. Hier, in den hellen und freundlich gestalteten Räumlichkeiten am Standort St. Elisabeth, arbeiten Diakon Reinhard Feuersträter und sein Team. Den leitenden Krankenhausseelsorger für ein Interview an den Tisch zu bekommen, ist nicht einfach. Gespräche mit Patienten und Angehörigen, Hausbesuche, Veranstaltungen und Kongresse, dienstliche Reisen durch ganz Deutschland und manchmal darüber hinaus − der Arbeitstag des 65-Jährigen ist reichlich mit Terminen gefüllt.

Für heute hat sich Reinhard Feuersträter die Zeit genommen, um über sich, das Team der Seelsorge und die vergangenen Jahre im Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara zu sprechen.

Bereits die erweiterte Berufsbezeichnung macht neugierig: Krankenhausseelsorger, Sozialpädagoge, Theologe, Notfallseelsorger, Pastoralpsychologe, Bistumsbeauftragter, Supervisor. Hinter jedem dieser Begriffe verbirgt sich ein Tätigkeitsfeld, in dem neben der fachlichen Qualifikation viel menschliches Einfühlungsvermögen gefragt ist.

Wir möchten wissen, was den Wahlhallenser auf seinen persönlichen Weg gebracht hat.

 

Reinhard Feuersträter – Kirche als Ersatzelternhaus

Geboren wurde Reinhard Feuersträter 1953 im westfälischen Warendorf. In der idyllisch anmutenden Stadt, die schon im Mittelalter durch Handel zu einigem Wohlstand gelangt ist, verbrachte Feuersträter eine glückliche, aber nicht unbeschwerte Kindheit.

Der Vater Kriegsinvalide und auf die Pflege durch die Familie angewiesen, die Mutter mit einem bescheidenen Einkommen als Putzfrau – schon früh stellte sich für den jungen Feuersträter die Frage nach sozialer Gerechtigkeit, nach Bildung und dem Recht auf gesellschaftliche Teilhabe.

Die Kirche wurde nach dem frühen Tod des Vaters zum Elternhausersatz und so engagierte er sich bereits als Jugendlicher in der Gemeinde und in der Christlichen Arbeiterjugend (CAJ) von Kardinal Josef Cardijn. Noch heute denkt der Diakon gerne an das Jahr 1971 zurück, in dem er „mit Bordmitteln“ im beschaulichen Warendorf eine Großveranstaltung und ein Zeltlager mit 1.800 Teilnehmern organisierte. Die Veranstaltung wurde zu einem vollen Erfolg.

Gottesdienst „Farben des Lebens“ in der Propsteikirche anläßlich des 120-jährigen Jubiläums des Krankenhauses

 

Organisatonstalent mit Managementqualitäten

Bei einem der regelmäßig stattfindenden Zeltlager entdeckte der Diözesankaplan, Karl Lenfers, das Organisationstalent des jungen Ehrenamtlichen. Reinhard Feuersträter erzählt: „Die Empfehlung führte mich als hauptamtlichen Mitarbeiter der CAJ ins Ruhrgebiet, wo ich zum ersten Mal insbesondere bei Hausbesuchen direkt mit den Schicksalen anderer Familien konfrontiert war und eine ganze Menge über die Verbindung zu und zwischen Menschen gelernt habe“.

Mitte der siebziger Jahre folgte das Studium des Sozialwesens in Münster und die Berufung zum Vorsitzenden des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ). Für die CAJ baute Feuersträter eine Bildungsstätte im Münsterland mit den inhaltlichen Schwerpunkten „Kirche und Arbeiterschaft“ und „Befreiungstheologie“ auf. Zur Organisation von Großveranstaltungen kamen die Mitarbeit auf der Bundesebene der CAJ und die Herausgeberschaft der Zeitung „Aktion“.

Mitte der achtziger Jahre – der CAJ mittlerweile entwachsen − erhielt Reinhard Feuersträter den Auftrag, ein großes Altenzentrum mit Altenpflege, betreutem Wohnen, Sozialstation und gerontopsychiatrischem Fachbereich im westfälischen Nordwalde aufzubauen und zu leiten. 1988 zum Diakon geweiht, entschied Feuersträter in den späten neunziger Jahren für sich und mit Blick auf die gut laufende Einrichtung, noch einmal eine größere Herausforderung im pastoralen Dienst zu suchen.

 

Ungewöhnliche Wege in der Krankenhausseelsorge

Die Ausschreibung des Krankenhauses St. Elisabeth und St. Barbara für die Krankenhausseelsorge markierte den Beginn an der Saale. Seine Tätigkeit sah Feuersträter jedoch nicht im Rückzug an den Schreibtisch oder in die Kapelle.

Er erinnert sich: „Damals bin ich mit dem Fahrrad durch die Stadtteile gefahren und habe spontane Hausbesuche angeboten. In fast allen Fällen wurde ich hineingelassen und zu einem Gespräch eingeladen, was mich ziemlich beeindruckt hat“.

Bereits die damalige Krankenhausgeschäftsführung habe sich aufgeschlossen für neue, ungewöhnliche Wege gezeigt. So entstand das besondere Profil der Seelsorge am Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara, wie es noch heute sichtbar ist. Neben dem Aufbau der seelsorgerischen Arbeit widmeten sich Feuersträter und sein wachsendes Team der Stärkung des Ehrenamts im Krankenhausbesuchsdienst, etablierten eine besondere Sterbe- und Abschiedskultur mit Gedenkzeiten und Trauerzentrum und führten die Neugeborenensegnung ein.

Das Projekt „Lebenswendepunkte“ richtet sich an Menschen, die wichtige Lebensentscheidungen zu treffen haben, Veränderungen oder Schicksalsschläge erfahren. Mit den Lebenswendefeiern als Alternative zur Jugendweihe ist es dem Team um Reinhard Feuersträter schließlich gelungen, auch Jugendliche in Halle gezielt zu erreichen. Die Steigerung der Teilnehmerzahl von anfangs 20 auf mehr als 700 spricht für sich.

 

Seelsorgeambulanz als eines von vielen Projekten

Eines der Projekte, die Seelsorgeambulanz, ist zu einem bundesweit einzigartigen Merkmal des halleschen Krankenhauses geworden. Es besteht aus einem niederschwelligen Angebot für Menschen aus Halle und der Region, das Krankenhaus gezielt aufzusuchen und Rat, auf Wunsch auch geistliche Begleitung zu erhalten. Ein Aspekt ist Feuersträter dabei besonders wichtig:

„Wir möchten begegnen, nicht bekehren. Unsere Arbeit hat keine missionarische Intention, sehr wohl aber eine missionarische Dimension.“

Allein in den letzten Jahren hat die Seelsorge am Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara viele Projekte initiiert oder begleitet.

Das aktive Engagement für Geflüchtete und Menschen mit Migrationshintergrund im Rahmen der Initiative „Fremde Freunde“, die Auseinandersetzung mit der konfessionsübergreifenden Idee des „Weltethos“, die Einrichtung eines muslimischen Gebetsraums auf dem Krankenhausgelände oder die „Himmelswünsche“ für die Neugeborenen sind nur einige Beispiele für die ganz eigene Haltung des halleschen Krankenhauses in gesellschaftspolitischen Fragen.

 

„Klötzchenkreuz“ in der Kapelle des Krankenhauses für verstorbene Kinder

Zukunft der Seelsorge im Blick

Wie aber sieht die Zukunft der Seelsorge am Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara aus?

Was werden die verbindenden Elemente im Haus und im Verbund sein?

Reinhard Feuersträter, der seit 2017 auch Leiter des Fachbereichs Christliches Profil im Elisabeth Vinzenz Verbund ist, äußert hierzu klare Vorstellungen.

„Zukünftig wird es darum gehen, die Vielfalt von Weltanschauungen zuzulassen und aus dieser Vielfalt zu lernen, ohne die eigene Identität als christlich-katholisches Krankenhaus zu verlassen“,

fasst er die Aufgabenstellung zusammen. Das Krankenhaus im Elisabeth Vinzenz Verbund habe die Chance, zu einem neuen Ort von Kirche zu werden, der Gemeinde bildet – und sei es nur Gemeinde auf Zeit.

Um dieses Ziel zu erreichen und Werte weiterhin erlebbar zu machen, sind in diesem Jahr in allen Häusern Wertebeiräte gegründet worden. Diese Arbeitsgruppen, bestehend aus Kolleginnen und Kollegen aller Berufsrichtungen, setzen sich mit der Weiterentwicklung und Stärkung der christlichen Kultur im gesamten Verbund auseinander.

 

Vielfalt im Verbund

Zum Abschluss des Gesprächs äußert Reinhard Feuersträter noch eine persönliche Hoffnung:

„Ich wünsche dem Elisabeth Vinzenz Verbund, dass die Vielfalt in den regionalen Einrichtungen zugelassen und gestärkt werden kann und gleichzeitig immer dort bei der Ausprägung des christlichen Profils gebündelt und unterstützt wird, wo es ein einzelnes Haus nicht leisten kann.“

Menschlichkeit verbindet – im Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara wird dieser Anspruch auch in den kommenden Jahren mit Leben gefüllt werden.

 

Diakon Reinhard Feuersträter ist Leiter der Abteilung Seelsorge, Leiter Fachbereich „Christliches Profil“ im EVV, Krankenhausseelsorger, Pastoralpsychologe, Notfallseelsorger, Sozialpädagoge, Supervisor DGfP / KSA sowie Bistumsbeauftragter für Krankenhauspastoral & Palliativmedizin im Bistum Magdeburg.

Beitrag von Jan-Stephan Schweda (Leiter Unternehmenskommunikation und Marketing des Krankenhauses St. Elisabeth und St. Barbara Halle (Saale).

Bildrechte: Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara / Marco Warmuth