Schwerpunkt Allgemein, Demenz, Zusammenwachsen

Akute Verwirrtheitszustände im Alter – ein Wettlauf mit der Zeit

Delirtherapie im Sankt Elisabeth Krankenhaus

Das Sankt Elisabeth Krankenhaus Eutin hat im Rahmen der altersmedizinischen Behandlung ein eigenes Setting für Patienten mit einem Delir entwickelt. Bei Auftreten eines Delirs muss sehr schnell gehandelt werden. Es ist nicht nur ein Notfall, der potenziell lebensbedrohlich ist. Schnelle Reaktion ermöglicht auch die Reversibilität des Geschehens.

Rund um die Uhr zügig aufgenommen werden auch Patienten aus dem ambulanten Bereich sowie aus umliegenden anderen Akutkliniken.

Ein Konzept, das sektorenübergreifend ähnlich dem in der Palliativversorgung des Krankenhauses umgesetzt werden könnte. Es fehlt leider die entsprechende Vergütungsstruktur.

Das lateinische „Demenz“ heißt übersetzt Entgeistung, ohne Geist. So spricht man beim Verlust von bereits erworbenen Fähigkeiten von Demenz. Zumeist sind bei dementen Patienten das Kurzzeit- und später auch das Langzeitgedächtnis, das Denk- und Sprachvermögen sowie die Motorik betroffen, bei einigen Formen ist es die gesamte Persönlichkeitsstruktur.

Menschen mit Demenz sind überdurchschnittlich häufig auch von sogenannten Deliren, zeitweise auftretenden Verwirrtheitszuständen, betroffen. Dabei ist ein Delir u.a. meist auch mit schweren Beeinträchtigungen der kognitiven Fähigkeiten und mit Bewusstseinsstörungen verbunden. Beim älteren Menschen geht man von einem multifaktoriellen Geschehen aus.

Ursächlich handelt es sich also um ein Zusammenwirken mehrerer Faktoren, die zu einem deliranten Zustand führen. Auslöser können zum Beispiel Infektionen sein, aber auch Schmerzen, psychische und körperliche Belastungen, wie sie zum Beispiel mit Operationen einhergehen. Häufig spielen auch Nebenwirkungen von Medikamenten eine Rolle, die bei älteren Patienten oftmals vor allem in der Wechselwirkung verschiedener Substanzen unterschätzt werden.

Gerade der Aufenthalt in einer fremden Umgebung wie einem Krankenhaus, verbunden mit einer neu aufgetretenen körperlichen Beeinträchtigung, z.B. nach einem akuten Sturz, lässt bei demenzkranken Patienten überdurchschnittlich häufig ein Delir entstehen. Eine solche Ausnahmesituation kann den  Heilungserfolg bzw. das Therapieergebnis der primären Ursache des Krankenhausaufenthaltes beeinträchtigen, oftmals sogar verhindert.

Spezielles Setting entwickelt


Aus diesem Grunde hat das Sankt Elisabeth Krankenhaus Eutin im Rahmen der altersmedizinischen Behandlung ein eigenes Setting für diesen – zeitlich begrenzten – Ausnahmezustand entwickelt. Dr. Hartmut Niefer, Ärztlicher Direktor und Chefarzt für Innere Medizin/Geriatrie:

„Vielfach geht ein deliranter Zustand mit Schlafstörungen einher und zeigt sich oft in unterschiedlichsten Ausprägungen. Dazu kann ein ‚herausforderndes Verhalten‘ gehören dass sich in Aggression oder wahnhaftem Erleben ausdrückt, usw. Die sorgende Umgebung, in der Regel das Pflegepersonal einer Station, kommt an ihre Grenzen, kann den betroffenen Menschen nicht mehr angemessen versorgen und die mit dem Delir einhergehenden Verhaltensweisen abfangen.“

 

Visite unter Leitung von Chefarzt Dr. Hartmut Niefer (Bildmitte)

Während eine Demenz irreversibel voranschreitet, liegt im akuten Auftreten des Delirs die Möglichkeit der Reversibilität des Geschehens. Dafür ist es aber notwendig, unverzüglich innerhalb der ersten 48 Stunden darauf zu reagieren.

Ein Delir ist zunächst immer ein Notfall, da sowohl Ursachen als auch Folgen potenziell lebensbedrohlich sein können. Daher ist auch eine ebenso akute Reaktion seitens der Behandler erforderlich.

Nicht-medikamentöse Strategie in der geriatrischen Klinik


Das Sankt Elisabeth Krankenhaus Eutin hat daher im Schwerpunktbereich seiner geriatrischen Klinik ein System etabliert, das diese Zustände verhindern oder professionell abfangen, abmildern und möglichst rückführen soll.

Dabei wird in erster Linie auf nicht-medikamentöse Strategien zur Verhinderung des Delirs durch speziell geschultes Personal gesetzt.

Da Menschen mit Demenz und Delir einen akuten Bedarf an umsorgender Hilfestellung haben, bemüht sich das Sankt Elisabeth Krankenhaus um eine schnellstmögliche Aufnahme der betroffenen Patienten.

Das Krankenhaus nimmt sie unmittelbar aus dem ambulanten Bereich, also den Familien, oder auch aus Pflegeheimen auf.

Kommt es zur Eskalation einer Situation durch einen deliranten Patienten auf einer Akutstation eines der umliegenden Krankenhäuser, wird über eine Kooperation mit den sozialpsychiatrischen Diensten des Kreises wie auch mit der örtlichen Polizei die Klinik direkt angerufen, so dass diese Patienten ebenfalls rund um die Uhr aufgenommen und entsprechend versorgt werden können.

Damit kann auch das Ansteuern der Notfallambulanzen von Schwerpunktkrankenhäusern, die in der Regel nicht über die entsprechenden personellen Strukturen verfügen, vermieden und schnellste professionelle Reaktion ermöglicht werden.

Die Klinik stellt im Bedarfsfall dann als Sofortmaßnahme über eine Betreuungskraft eine 1:1 Betreuung sicher, um eine kontinuierliche Begleitung des Patienten und Gefahrenminimierung zu erzielen.

Auf diese Weise ist es zudem möglich, weitestgehend auf den Einsatz von Beruhigungsmitteln und mechanischen Fixierungsmaßnahmen zu verzichten.

Positiver Therapie-Effekt


Die Auswertung des Jahres 2017 zeigt den positiven  Effekt dieser Therapie: Von den Patienten, die in diesem akuten Verwirrtheitszustand 2017 aufgenommen wurden, konnte das Delir bei mehr als 80 Prozent zurückgedrängt werden. Dies  gelang in allen Fällen, ohne dass Fixierungsmaßnahmen durchgeführt werden mussten.

Eine gelegentlich zwingend sedierende Medikation  wurde im Rahmen der Therapie maximal nur jeweils bis Mitternacht vorgenommen, um eine Einbindung in  eine feste Tagesstruktur am Folgetag zu ermöglichen.

Mehr noch: Bei 57 Prozent der Patienten konnten die motorischen Fähigkeiten im Rahmen der Therapie  so gestärkt werden, dass Sie dann problemlos wieder zuhause hätten versorgt werden können.

Der Wehrmutstropfen: Viele Angehörige erleben die Situation von deliranten Angehörigen als so einschneidend, dass sie sich ein weiteres Zusammenleben trotz der positiven Behandlungserfolge nicht mehr zutrauen.

In 62 Prozent der Fälle erfolgte im Anschluss an den Krankenhausaufenthalt daher eine Unterbringung in einem Pflegeheim.

„SADV“ wäre ein sinnvolles Konzept


Dieses System könnte durch eine stärke Kooperation ambulanter und stationärer Strukturen aus Sicht des Sankt Elisabeth Krankenhauses weiter verbessert werden. Seit 10 Jahren funktioniert das im Bereich der Palliativversorgung.

Sowohl strukturell als auch personell ist die Spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV) eng an das Palliativzentrum des Krankenhauses angebunden.

Ein spiegelbildliches Modell einer „SADV“ – einer Spezialisierten ambulanten Demenzversorgung – mit dem medizinischen Anker der Demenzstation würde für Patienten und Angehörige eine noch deutlich größere Sicherheit schaffen, weil hier koordinierende und gegebenenfalls aufsuchende Betreuung der Demenzkranken jederzeit gewährleistet wären.

Für dieses sinnvolle Konzept fehlt leider bisher die entsprechende Vergütungsstruktur.

Die Konzepte und – was entscheidender ist – das Netzwerk dafür, sind bereits vorhanden.

 

Ein Beitrag von Kerstin Ganskopf (Geschäftsführerin des Sankt Elisabeth Krankenhauses Eutin) für den Verband der Krankenhausdirektoren, VKD.

Bildrechte: Krankenhaus Sankt Elisabeth Eutin/Frank Siemers

 

Neben dem Palliativzentrum mit seinen zwölf Plätzen ist die Geriatrie ein Schwerpunkt des Sankt Elisabeth Krankenhauses Eutin: Hier werden ältere Patienten mit komplexen Erkrankungen im regionalen Geriatriezentrum betreut. Angeschlossen ist eine Station für Menschen mit Demenz, die von einem multiprofessionellen Team umfassend behandelt und begleitet werden.