Schwerpunkt Allgemein, Demenz, Menschlichkeit verbindet, Zusammenwachsen

Demenz: Es gibt noch viel zu tun

Jochen Gust kam nach seiner kaufmännischen Ausbildung 1997 als Zivildienstleistender aus dem Schwarzwald nach Ostholstein. Dort arbeitete er in einer Senioren-Residenz mit spezieller Station für Bedürfnisse Demenzkranker. Hiernach war er an der Neukonzeptionierung einer vollständigen Einrichtung für Menschen mit Demenz beim gleichen Träger beteiligt. Ein beruflicher Glücksfall für ihn – und für den Elisabeth Vinzenz Verbund. Denn aus dem Zivi von einst wurde einer der führenden Demenz-Experten in Deutschland. Gust hat zahlreiche Bücher zum Thema Demenz veröffentlicht, führt bundesweit Schulungen für Organisationen, Einrichtungen und Kliniken durch und tritt vielfach als Referent in Erscheinung, z.B. beim Gütersloher Gerontopsychiatrischen Symposium.

Der 41jährige ist Berater und Moderator der Webseite Wegweiser-Demenz des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen. Als Demenzbeauftragter des Sankt Elisabeth Krankenhauses Eutin ist er bei Bedarf auch verbundweit jederzeit Ansprechpartner bei Fragen zum Thema. Wir haben welche an unseren Experten und stellen sie ihm.

EVV: Herr Gust, die Bundesregierung startet die Entwicklung einer nationalen Demenzstrategie. Was bedeutet das?
Jochen Gust: In Deutschland leben derzeit 1,7 Millionen Menschen mit Demenz und die Zahl demenzieller Erkrankungen wird zukünftig immer mehr Personen betreffen. Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft schätzt die Zahl der jährlichen Neuerkrankungen auf 300.000 Menschen. Insofern ist es gut, dass die Bundesregierung erkennt, dass das Thema Demenz gesellschaftlich immer relevanter wird. Beim Deutschen Zentrum für Altersfragen wird aktuell eine Geschäftsstelle eingerichtet, in der mit der Entwicklung einer Nationalen Demenzstrategie begonnen wird.

EVV: Wie sieht die Situation für demente Patienten nach Ihrer Einschätzung aktuell in den Krankenhäusern bundesweit aus?
Jochen Gust: Häufig sind Krankenhäuser keine guten Aufenthaltsorte für Menschen mit Demenz und die Behandlungsergebnisse, die sogenannten „outcomes“ nicht gerade ideal. Menschen mit Demenz, die Krankenhauspatienten werden, haben ein besonders hohes Risiko, die Klinik funktional schlechter zu verlassen, delirante Zustände zu erleiden, fixiert zu werden, ins Pflegeheim zu kommen, Krankenhausinfektionen zu erleiden und so weiter.

Und es werden immer mehr Menschen, da eben auch die Zahl älterer Menschen generell steigt und somit auch die Zahl der älteren Patienten im Krankenhaus mit der Nebendiagnose Demenz. Nicht selten setzt sich für die Betroffenen eine regelrechte Abwärtsspirale in Gang – auch wenn das Einzelproblem, der eigentliche Grund der zum Krankenhausaufenthalt geführt hat, vortrefflich behandelt wird.

„Vielfach geht es auch schlicht und ergreifend darum, ob man vor Ort konkret erkannt hat, dass man etwas tun kann, um die Situation und die Ergebnisse zu verbessern.“

Dies hat auch mit der schlechten Abbildbarkeit der Mehrleistungen, die ein Patient mit Demenz bedarf, zu tun. Einerseits. Aber nicht nur. Vielfach geht es auch schlicht und ergreifend darum, ob man vor Ort konkret erkannt hat, dass man etwas tun kann, um die Situation und die Ergebnisse zu verbessern. Und dann auch etwas tut, anstatt lediglich Formulare oder Leitbilder zu postulieren. Ich kann nur raten, sich einmal das „Pflegethermometer 2014“ vom Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung e.V. anzuschauen.


EVV: Was sollte sich in der Arbeit mit demenziell erkrankten Patienten generell verbessern?
Jochen Gust: Zunächst gilt für alle Einrichtungen, aber in besonderem Maße für Krankenhäuser, sich des Themas Demenz anzunehmen. Denn diese Patienten sind ja da. Und sie verursachen Aufwand und kritische Situationen. Sie haben besondere Bedürfnisse und stellen eine besondere Herausforderung dar. Pflegende leben und leisten das jeden Tag, so gut sie können. Verbesserungen sind in jedem Krankenhaus in ganz unterschiedlicher Machart und Intensität möglich. Sie sind auch nicht überall in gleichem Maß erforderlich. Das muss man sich je Einrichtung genau anschauen.

Aber eines ist doch klar: wer sich als Krankenhaus des Themas annimmt, kann und darf dies nicht nur aus dem Verständnis heraus tun, auch Patienten mit Demenz angemessen zu versorgen. Vielmehr ist das auch eine Frage der Mitarbeiterpflege. Situationen, die ich als Mitarbeiter schlecht händeln kann, überfordern mich. Gegen meine eigene Überzeugung zu handeln, z.B. in dem ich einen alten Menschen fixiere, weil ich nicht weiter weiß, löst Stress aus. Situationen, in denen es um Hinlauf- / Weglauftendenzen oder Aggressionen geht, bringen Patient und Mitarbeiter in Gefahr.

„Wie bringe ich das, was wir übers Thema Demenz wissen, wirksam auf die Stationen unseres Hauses?“

Krankenhäuser haben eher weniger das Problem des „Know-How“. Vielmehr ist es ein Problem des „Know-To“. Wie bringe ich das, was wir übers Thema Demenz wissen, wirksam auf die Stationen unseres Hauses? Ich glaube, der Umgang mit Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen ist ein eigener Qualitätsfaktor für alle Kliniken, die auch mit diesen Patienten zu tun haben.


EVV: Sie sind unter anderem auch Demenzbeauftragter des Sankt Elisabeth Krankenhauses Eutin. Was macht „Ihr“ Haus besser bei der Betreuung von Demenzpatienten als andere?
Jochen Gust: Ich glaube, dass es einfach sehr viel Akteure hier im Hause gibt, die den Anspruch haben, dass das Motto „Menschlichkeit verbindet“ und die Leitlinien des Hauses wirklich gelebt werden. Und das heißt eben auch „HighTouch“-Medizin zu bieten, statt nur “HighTec“. Wir wollen nicht Körperreparaturbetrieb sein, sondern den kompletten Menschen mit allen Bedürfnissen und Einschränkungen sehen, ohne ihn darauf zu reduzieren. In unserem Krankenhaus hat man verstanden, dass Menschen mit Demenz nicht in der Lage sind, sich ohne Unterstützung sicher in einer hyperkognitiven Welt zu bewegen. Wir sind diejenigen, die uns anpassen mussten und müssen. Und am Ende nützt das allen Beteiligten. Den Patienten, den Angehörigen – und uns selbst.

Wichtig für jedes Krankenhaus, ebenso wie für die engagierten und interessierten Mitarbeiter ist es auch, sich gegenseitig beim Thema zu stützen. Veränderungen beim Thema Demenz im Krankenhaus bedeutet, sich auf einen Marathon einzulassen – nicht auf einen Sprint. Auch die innerbetrieblichen Konflikte und Auseinandersetzungen gehören dazu. Qualität lässt sich nunmal nur bedingt in eine Klinik hineinverordnen oder hineinkontrollieren. Das Sankt Elisabeth Krankenhaus Eutin hat sich auf diesen Prozess eingelassen – und ihn mit einigem Erfolg ausgehalten. Ohne die entsprechende Haltung der Führungskräfte geht es nicht. Und übrigens – auch das verbindet.


EVV:
Gibt es nach Ihrer Einschätzung Krankenhaus-Träger in Deutschland, die das Thema Demenz umfänglich berücksichtigen und Klinik-übergreifend auf entsprechende Patienten eingestellt sind?
Jochen Gust: Es gibt sehr gute Krankenhäuser, die sich auf das Thema eingestellt haben und individuell passende Lösungen herbeigeführt haben. Meines Wissens aber sind das stets noch „Inseln“ in der Krankenhauslandschaft. Natürlich wird trägerseitig das ein oder andere auch mal behauptet. Die Wirklichkeit vor Ort bestimmt aber, was daran wahr ist – weniger, was man veröffentlicht. Eine andere Wandfarbe als beige zu wählen, einen Mitarbeiter mal in Validation zu schulen, macht eben noch lange kein demenzsensibles Krankenhaus oder Krankenhausträger.

Zu sehr wird die Wirklichkeit der Versorgung immer noch anhand der Codierungen gemessen sowie an den Relativgewichten der DRGs. Wenn die oberste Direktive nicht Wirtschaftlichkeit, sondern Maximalgewinn ist, ist nun mal das Risiko groß, dass sich diese Haltung auch ganz konkret in der Behandlung nieder- und auf Mitarbeitende wie Patienten durchschlägt.

Gerade wenn und weil konfessionelle Träger einen besonderen Anspruch haben, besteht hier großes Potential. Grundlage des Handelns ist doch die Achtung und Wertschätzung gegenüber jedem Menschen. Nimmt man das ernst, erscheinen die Ergebnisse für Patienten mit Demenz des Krankenhausaufenthaltes und die Arbeitsumstände für Mitarbeitende doch vielerorts verbesserungsfähig und –würdig.

Denn es geht um jeden Menschen. Nicht nur um die, die kognitiv topfit sind. Nicht nur um die, die machen, was wir wollen wenn wir es ihnen sagen. Gerade ein konfessionelles Haus darf und sollte durchsetzen, dass Achtung, Wertschätzung und ihre besondere Fürsorge auch jenen zu Teil werden, die das nicht für sich einfordern können.


EVV: Herr Gust, herzlichen Dank für das Gespräch und alles Gute für Ihre Arbeit weiterhin.

Die Fragen stellte André Schmincke, Leiter Unternehmenskommunikation und Marketing.

Jochen Gust: „Grundlage des Handelns ist die Achtung und Wertschätzung gegenüber jedem Menschen.“
Foto: Sankt Elisabeth Krankenhaus Eutin

 

Beitrag aus den Kieler Nachrichten (KN), vom 22.10.2018 mit freundlicher Genehmigung der Autorin, Heike Stüben.

Heike Stüben mit einem Kommentar zum Thema Demenz.

Gust erarbeitet Demenzkarte für Schleswig-Holstein.

 

Literatur-Tipps

Demenz – Wissen – verstehen – begleiten
Im Hirzel-Verlag erschienen: http://www.hirzel.de/titel/59627.html

 

„Leben statt therapeutischer Akrobatik“ –  unser Buch zum Demenzmarkt und seinen 1000 Therapieversprechen:
ISBN: 978-3899933505
https://buecher.schluetersche.de/de/leben-statt-therapeutischer-akrobatik,571099083.html

 

Ergänzende Linksammlung zum Thema Demenz

Eutiner Demenzforum

Kompetenzzentrum Demenz SH

Nationale Demenzstrategie der Bundesregierung

Deutsches Zentrum für Altersfragen