Schwerpunkt Allgemein, Menschlichkeit verbindet, Ordensschwestern, Zusammenwachsen

In der Tradition der Heiligen Elisabeth

Mit Beginn der sogenannten „Flüchtlingskrise“ stand innerhalb der Einrichtungen des Elisabeth Vinzenz Verbundes ein wesentlicher Aspekt bei der Hilfe für Geflüchtete im Vordergrund: Die unbürokratische medizinische Versorgung, unabhängig von Herkunft, Status oder Religion. Verschiedenste Erfahrung in der Arbeit mit Geflüchteten haben bis heute alle EVV-Krankenhäuser gemacht.

Drei von ihnen haben sich durch spezielle Projekte in ganz besonderer Weise hervorgetan und sich im Jahr 2017 um den kkvd Sozialpreis beworben:

Das Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara mit dem Projekt „Fremde Freunde“.

Das St. Elisabeth Krankenhaus Lahnstein mit dem „Lahnsteiner Konzept“.

Das Krankenhaus St. Adolf-Stift mit seiner Flüchtlingsarbeit.

Und wie ist es aktuell bestellt um das Thema Flüchtlingshilfe im EVV? Wir fragen nach bei Schwester Maria Luise Wahrhausen, Flüchtlingsbeauftragte des Krankenhauses Reinbek St. Adolf-Stift.

EVV: Schwester Luise, seit 2015 engagieren Sie sich als offizielle Flüchtlingsbeauftragte im St. Adolf Stift. Wie kamen Sie zu Ihrem Titel und wie sahen die Herausforderungen zu Beginn der Flüchtlingskrise konkret aus?
Schwester Luise
: Ärzte und Pflegekräfte waren oft schockiert, wie schwerkranke Menschen zwischen die Mühlen der Bürokratie gerieten. Unser Ziel war es, die tatsächlich gebotene medizinische Versorgung zu ermöglichen, auch wenn sie im Asylbewerberleistungsgesetz gar nicht vorgesehen war. Hier haben wir im St. Adolf alle an einem Strang gezogen, um wirklich praktisch und unmittelbar vor Ort Hilfe zu geben.

Durch niederschwellige Angebote, wie die Kleiderkammer, konnten Flüchtlinge dann auch relativ rasch und ganz einfach unterstützt  werden. Und zu meinem schönen Titel kam ich durch unsere Provinzoberin. Die hat schnell geschaltet und mich ermutigt, die Hilfe vor Ort zu koordinieren und weiter auszubauen. Das tue ich bis heute sehr gern.

„Das Krankenhaus Reinbek St. Adolf-Stift steht für eine gelebte Integration von Geflüchteten und engagiert sich deutlich über die reine medizinische Versorgung hinaus.“

 

EVV: Woher kommt Ihre Motivation, ist der Glaube Ihr Antrieb?
Schwester
Luise: Das Krankenhaus Reinbek St. Adolf-Stift steht für eine gelebte Integration von Geflüchteten und engagiert sich deutlich über die reine medizinische Versorgung hinaus. Wir vergeben Praktikumsplätze und wollen Beteiligung an Unterrichtseinheiten ermöglichen. Das alles funktioniert nur, weil die Flüchtlingsarbeit im St. Adolf-Stift durch die Mitarbeitenden aller Ebenen, die Geschäftsführung und Ärzteschaft sowie Pflege und Verwaltung  gleichermaßen getragen wird. Ich finde es ganz wundervoll, dass ich hier meinen Teil beitragen kann. Und der Glaube (lacht) hat dafür gesorgt, dass ich da bin, wo ich bin, um mich meinen Fähigkeiten entsprechend einzubringen. Bei all den Einzelschicksalen, die auch an mir nicht ganz spurlos vorbeigehen, trägt mich der Glaube aber schon sehr.

Ansonsten hätte ich die Arbeit längst aufgegeben. Denn wenn Familien auseinander gerissen werden sollen, die sich hier nach langer Zeit der Flucht getroffen haben, dann frage ich mich schon, wozu das gut sein soll. Oder wenn Familien sich hier im Krankenhaus durch Zufall wiederfinden, dann bekomme ich Gänsehaut und muss erstmal schlucken. Ich freue mich dann, was im Gebet und im Dank an Gott endet. Aber natürlich liegt mein Selbstverständnis in der Arbeit mit Flüchtlingen schon in unserer Kongregation begründet.

Unsere Mutter Maria (Maria Merkert ist Mitgründerin des Ordens, Anm. der Redaktion) sagt, dass die Schwestern jeden pflegen sollen, gleich der Hautfarbe, Rasse oder Religion. Ich selbst spreche keine Fremdsprache und versuche dennoch, die Sorgen und Nöte der Geflüchteten, die bei uns vorstellig werden, zu verstehen.

„Die meisten Menschen, die bei uns um Hilfe ersuchen, sind sehr dankbar und geben uns allen viel zurück. Ich habe noch nicht einen Tag bereut, diese gute und so sinnvolle Arbeit in Gottes Auftrag zu tun.“

 

Ich selbst bin gelernte Krankenschwester und hatte keine Ahnung von Flüchtlingshilfe, bis diese Arbeit zu mir kam. Inzwischen ist es sogar so, dass mein angeeignetes Wissen um die verschiedenen Kulturen und den Austausch mit Jobcentern und anderen Behörden bei der Bearbeitung für Durchführungen im Umgang mit Arbeitskräften aus dem Ausland gefragt ist.

Und es fragen mich andere große Krankenhäuser, wie manche Abläufe sinnvoll praktisch geregelt werden können. Das alles zeigt mir, wie wichtig und sinnvoll die Arbeit ist und ich möchte auch andere Häuser ermutigen diesen Weg zu gehen. Es kann für beide Seiten eine Bereicherung sein, wenn die Flüchtlingsarbeit bei Integration ins Arbeitsleben gut begleitet wird.

Hier bin ich gerne bereit, auch andere EVV-Einrichtungen zu unterstützen und die vielleicht bei einigen herrschende Skepsis und Fragen aus dem Weg zu räumen. Denn wir haben im St. Adolf-Stift festgestellt, dass funktioniert. 

EVV: Worin bestehen ihre Aufgaben konkret?
Schwester Luise:
Mein Aufgabengebiet war und bleibt wirklich vielfältig und ergibt sich ganz aus den Notwendigkeiten der Arbeit mit Geflüchteten. So habe ich angefangen, erst einmal zentrale Übersetzungen von Broschüren und Flyern zu Gesundheitsthemen in den Sprachen aller Herrgottsländer zu sammeln. Und ich pflege eine Dolmetscherliste, in der die Fremdsprachenkenntnisse unserer Mitarbeitenden notiert sind, sodass wir jederzeit vor Ort in der Lage sind, mit Patienten in den Dialog zu treten, die von sehr weit weg kommen. Auf dieser Liste stehen übrigens einhundert der über achthundert Mitarbeitenden des St. Adolf-Stiftes. Und das mit 30 Sprachen.
Ich habe gemeinsam mit der Pflege einen Flüchtlingshilfe-Ordner erstellt, in dem sich alle wichtigen Informationen und Ansprechpartner befinden, intern wie extern. Außerdem halte und pflege ich Kontakte zu Behörden und Krankenkassen und unterstütze unser Rechnungsbüro bei der Ermittlung von Kostenträgern und Wohnortanschriften.

EVV: Und wie sieht Ihre Arbeit mit den Geflüchteten im Haus aus?
Schwester
Luise: Ich begleite Flüchtlinge auf die jeweiligen Stationen oder Abteilungen im Krankenhaus und bei Bedarf bin ich auch behilflich bei der Facharztsuche oder bei externen Terminabstimmungen mit Ärzten. Wichtig ist auch die Zusammenarbeit mit der AWO, die hauptamtlich die Flüchtlinge betreut, und natürlich auch mit allen anderen Akteuren, so z.B. der ehrenamtlichen Flüchtlingsinitiative Reinbek oder anderen Organisationen aus Nachbargemeinden.

Die AWO berate ich in Gesundheitsfragen. Für die Sprachschulen versuchen wir, hier im Krankenhaus mittels einer Power Point Präsentation das Gesundheitswesen darzustellen. Und das mit ziemlich großem Erfolg, denn die Geflüchteten kommen nicht mehr direkt in die Notaufnahme des Krankenhauses, sondern sie suchen nun auch einen niedergelassenen Arzt auf. Oder sie kommen zu mir und bitten um Hilfe bei der Arztsuche.

EVV: Helfen Sie auch bei Wohnungsfragen und Praktikumsplätzen ?
Schwester
Luise: Nach meiner Erfahrung ist die Wohnungssuche für Menschen, die geflüchtet sind oder einen nicht-deutschen Namen haben, schon etwas schwierig. Bei der Vermittlung von Praktikumsplätzen direkt in unserem Krankenhaus oder bei Altenpflegeeinrichtungen sieht es schon besser aus. Herr Pestinger (Krankenhausgeschäftsführer St. Adolf-Stift, Anm. der Redaktion) hatte mich gebeten, ein wenig bei der Integration zu unterstützen. Das mache ich hier nun schon seit knapp 2 Jahren. So bieten wir Praktikumsplätze in unterschiedlichen Bereichen an, wie zum Beispiel in der Pflege, EDV, Apotheke, Patiententransport, Materialwirtschaft, QM, Bettenzentrale und im Garten.

Während der letzten Jahre hatten wir bis jetzt ca. 50 Praktikanten mit Sprachniveau B1 – acht von ihnen sind im Krankenhaus beschäftigt, eine junge Frau besucht die Krankenpflegeschule und macht dort ihre Ausbildung. In Reinbek arbeite ich eng zusammen mit Jobcentern und der Migrationssozialberatung der AWO.

EVV: Liebe Schwester Luise, ganz herzlichen Dank für das Gespräch und weiterhin alles Gute für Sie und Ihr Tun im St. Adolf-Stift.

Die Fragen stellte André Schmincke, Leiter Unternehmenskommunikation und Marketing.

 

Für jeden (hoffentlich) etwas dabei: In der Kleiderkammer des Krankenhauses.

Geflüchtet – Praktikum in der Krankenhausapotheke – Pharmaziestudium: Integration kann sehr gut funktionieren.

Sr. Luise sorgt für gute Stimmung beim Sommerfest in der Villa auf dem Krankenhausgelände.

 

Der Orden
Schwester Maria Luise Wahrhausen arbeitet als offizielle Flüchtlingsbeauftragte im Krankenhaus Reinbek St. Adolf Stift und gehört als Ordensschwester zur Kongregation der Schwestern von der heiligen Elisabeth.

Die Materialien
Den Krankenhausgeschäftsführern im EVV werden einige durch Sr. Luise erstellte Materialien für die Arbeit mit Geflüchteten zur Verfügung gestellt.