Schwerpunkt Allgemein, Menschlichkeit verbindet, Zusammenwachsen

Menschlichkeit bedeutet Endlichkeit

Im Gespräch mit Prof. Dr. Winfried Hardinghaus, dem Chefarzt der Klinik für Palliativmedizin im Franziskus-Krankenhaus Berlin.

Prof. Dr. Winfried Hardinghaus ist seit 2015 Chefarzt der Klinik für Palliativmedizin im Franziskus-Krankenhaus Berlin. Seit 2014 ist er Vorsitzender des Deutschen Hospiz – und PalliativVerbands. 2016 wurde er vom Bundespräsidenten Joachim Gauck mit dem Bundesverdienstkreuz Erster Klasse ausgezeichnet.

Mit seiner Arbeit möchte Prof. Hardinghaus den letzten Abschnitt des Lebens mehr in das gesellschaftliche Bewusstsein rücken.

„Das Ende eines Lebens sollte weder räumlich noch ideell isoliert werden.“

Julia Raderecht: Wie war Ihr Weg in die Palliativmedizin?
Prof. Hardinghaus:
Ausgangspunkt meiner Bemühungen war Anfang der 1990er Jahre die Erkenntnis, dass Schwerstkranke und Sterbende im Krankenhaus nicht adäquat behandelt wurden. Ich erlebte, wie Patienten zum Sterben ins Badezimmer geschoben wurden oder nur wenig Schmerzbehandlung erhielten. Das Sterben wurde nicht als Teil des Lebens verstanden und schwerstkranken Menschen dadurch ihre Würde genommen. Dieser Zustand war für mich nicht tragbar.

Das Ende eines Lebens sollte weder räumlich noch ideell isoliert werden. Um die Begleitung von sterbenden Menschen zu verbessern, setzte ich mich zum damaligen Zeitpunkt dafür ein, dass auf jeder Station ein geschützter Bereich integriert wurde, woraus sich mit der Zeit die Palliativstation entwickelte. Im Laufe der Jahre haben immer mehr Krankenhäuser das Modell SPES VIVA übernommen.

 

„Im Vordergrund der Palliativmedizin steht die Linderung körperlicher und seelischer Beschwerden.“

Julia Raderecht: Was ist das Ziel der Palliativmedizin?
Prof. Hardinghaus:
Ziel der Palliativmedizin ist es, die Lebensqualität von Patienten mit einer unheilbaren Erkrankung nach deren individuellen Wünschen und Bedürfnissen zu erhalten und, wenn möglich, zu verbessern. Im Vordergrund steht die Linderung körperlicher und seelischer Beschwerden.

Das Ziel der Behandlung im Krankenhaus ist die akute Krisenintervention bis zur Entlassung des Patienten in dessen vertraute Umgebung – im Unterschied zu einem Hospiz. Idealerweise darf der Patient mit einer entsprechenden Versorgung nach Hause gehen. Wenn dies nicht mehr möglich ist, vermitteln wir einen Platz im Pflegeheim oder Hospiz.

 

„Das Helfen und Beistehen in dieser Phase des Lebens ist eine besondere ärztliche Erfahrung.“

Julia Raderecht: Was macht für Sie die Arbeit in der Palliativmedizin aus?
Prof. Hardinghaus:
Mir ist der persönliche Kontakt zu den Patienten und Angehörigen sehr wichtig. Je älter ich wurde, desto mehr habe ich gemerkt, dass es eine wunderbare Aufgabe ist, die mich sehr erfüllt. Das Helfen und Beistehen in dieser Phase des Lebens ist eine besondere ärztliche Erfahrung.

Gerade was den Umgang mit Patienten betrifft, ist es für mich wichtig, diese in ihrer Einzigartigkeit anzuerkennen und sie so sein zu lassen, wie sie sind. Das ist für mich ein Ausdruck von Respekt und Würde.

 

„Meine Vision ist es, dass Sterben und der Tod in 20 bis 30 Jahren keine Tabuthemen mehr sind.“

Julia Raderecht: Wie können Sterben und Tod in der Gesellschaft enttabuisiert werden?
Prof. Hardinghaus:
Der Sterbevorgang bis zum Tod bildet einen Teil des Lebens ab, den der Mensch nur noch bedingt kontrollieren kann. Der Kontrollverlust ruft Ängste hervor und darum wird dieses Thema eher verdrängt. Durch meine Arbeit erfahre ich immer wieder, dass Menschen sterben so wie sie gelebt haben.

Wenn der Mensch innerlich im Einklang mit seinem Leben war, fällt es ihm am Ende leichter loszulassen und zu gehen. Daher sollte dieser Teil des Lebens immer angesprochen werden, damit sich mehr Menschen mit ihrer Endlichkeit befassen und die damit verbundenen Ängste aufgelöst werden können. Meine Vision ist es, dass Sterben und der Tod in 20 bis 30 Jahren keine Tabuthemen mehr sind.

 

„Auch Kinder und Jugendliche müssen in Krankheits- und Trauerphasen begleitet werden.“

Julia Raderecht: Haben Sie ein persönliches Herzensprojekt, welches auf „Menschlichkeit verbindet“ einzahlt?
Prof. Hardinghaus:
Ich habe einmal in einem Krankenzimmer beobachtet, wie ein Ehemann seiner jungen sterbenden Frau die Hand hielt. Mit im Zimmer waren ihre zwei Kinder, die mit einem Papierfußball spielten. Das hat mich nachdenklich gestimmt und mir wurde bewusst, dass in solch einer speziellen Situation viel zu wenig auf die Kinder eingegangen wird.

Auch Kinder und Jugendliche müssen in Krankheits- und Trauerphasen begleitet werden. Dies war der Anstoß, die Initiative SPES VIVA Trauerland in Osnabrück zu gründen. Dort werden Kinder und Jugendliche, die Eltern, nahe Verwandte oder Freunde verloren haben, unter professioneller Leitung von ehrenamtlich Tätigen betreut. Ein Arbeit, die mir sehr am Herzen liegt.

 

Julia Raderecht: Prof. Hardinghaus, wofür sind Sie dankbar?
Prof. Hardinghaus:
In meinem Leben bin ich für meine vier gesunden Kinder dankbar und dass meine Familie und vor allem Frau meine Tätigkeit mitträgt und unterstützt. Und ich bin dankbar, all diese Erfahrungen machen und für andere Menschen da sein zu dürfen.

 

Lieber Herr Prof. Hardinghaus, herzlichen Dank für das Gespräch und den Einblick in Ihre Arbeit. Für Sie und Ihr Team im Franziskus-Krankenhaus weiterhin alles Gute.

 

Prof. Hardinghaus zusammen mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seiner Frau Elke Büdenbender beim Neujahrsempfang 2019 des Bundespräsidenten.
Foto: Bundespräsidialamt

 

Beitrag von Julia Raderecht (Unternehmenskommunikation im Franziskus-Krankenhaus Berlin).
Foto Prof. Hardinghaus: Popp/St. Franziskus-Krankenhaus Berlin