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Der Geist weht wo und wie er will …

Die Freundinnen und Freunde Jesu hatten sich eingeschlossen. Sie hatten dicht gemacht, Fenster und Türen verrammelt. Der Mut hatte sie verlassen.

Aufgefahren in den Himmel

Was nun? Dieser Jesus von Nazareth, für den sie sich begeistert hatten, er war am Kreuz gestorben, gescheitert, den Mächtigen unterlegen.

Ja, da gab es die Nachricht von der Auferstehung. Ja, er war ihnen erschienen, hatte mit ihnen gesprochen.

Aber nun hatte er sie verlassen, „aufgefahren in den Himmel“ und sie blieben zurück.

So allein gelassen machte sich Resignation und Angst breit.

Sie hatten mit ihm Höhepunkte erlebt, auf ihn ihre Hoffnung gesetzt, doch nun befanden sie sich in einem tiefen Tal der Enttäuschung.

Mut zum eigenen Handeln

So ist das Leben. Doch dann, als sich die Freundinnen und Freunde Jesu zurückgezogen hatten, beschäftigt damit, die eigenen Wunden zu lecken, da geschieht es. Es überkommt sie regelrecht.

In der Pfingstgeschichte wird beschrieben, wie sich ein gewaltiges Brausen erhebt und Feuerzungen vom Himmel auf die verängstigte Gruppe herabkommen.

Das hat Folgen. Da wird neue Energie freigesetzt, die die Eingeschlossenen in Bewegung bringt. Endlich schüttelten sie die Resignation ab.

Endlich ziehen sie den Kopf aus dem Sand. Endlich hatten sie den Mut, die Türen und Fenster des Hauses, in dem sie sich eingeschlossen hatten, aufzureißen.

Und sie erkannten, es geht nicht um eine vordergründige Begeisterung für diesen Jesus von Nazareth, den sie bestaunt hatten. Es geht um das eigene Handeln, die eigene Haltung und der Bereitschaft zu den Konsequenzen dieser Haltung auch zu stehen.

Sie hatten sich zwar hinter Jesus gestellt, nun aber erkannten sie, es geht darum sich vor ihn zu stellen und selbst aktiv zu werden.

Raus aus der Lethargie

Sie begriffen, Jesu Taten und Worte sind nicht Testament, nicht Vergangenheitsgeschichte, sondern Zukunft.

Ihnen war ein Licht aufgegangen. Sie hatten einen Geistesblitz. Erleuchtet sinnbildlich durch Flammenzungen und durch ein heftiges, lautes Brausen herausgeholt aus ihrer Lethargie.

Sie verstanden nun den Geist der Botschaft.

Und deshalb gingen sie auf die Straße, fassten Mut, waren solidarisch und wurden verstanden, egal in welcher Sprache sie redeten.

Wer begeistert ist, der kann nicht anders, der redet mit Händen und Füßen, der strahlt etwas aus und wird verstanden.

Pfingsten im Jahre 2020

Es ist gar nicht so anders als damals in Jerusalem.

Auch wir stehen heute in der Gefahr, uns einzuschließen, dicht zu machen. In eine abwartende Haltung zu gehen.

Da wird das Haar in der Suppe gesucht. Die einen sind enttäuscht. Andere schauen zurück: Ach war das früher schön…!

Doch war alles schöner, besser, einfacher?

Es war anders und wir wohl auch. Liegt deshalb das Heil im Vergangenen und entbindet es uns davon, Gegenwart und Zukunft aktiv zu gestalten?

Besteht nicht die Gefahr, dass Egoismus vermehrt um sich greift: „Jeder ist sich selbst der Nächste“? Eine solche Haltung findet sich nicht selten.

Menschlichkeit verbindet

Wie damals will uns die Botschaft der Bibel anfeuern, anstecken und Mut machen, zu brennen für die Menschen, denen wir begegnen, mit denen wir zusammenarbeiten oder die sich uns in ihrer Erkrankung anvertrauen.

Die Frohe Botschaft Jesus setzt auf uns. Der Geist Gottes will auch uns neue Energie schenken gegen die Energiekrise der Beziehungslosigkeit, der Nächstenliebe.

Wenn wir in diesem Geist als eine Gemeinschaft von Hoffenden, Zuversichtlichen und ja, Liebenden, uns gegenseitig helfen, miteinander gut und menschenwürdig umgehen.

Wenn wir unsere Hoffnung und die Freude teilen, aber auch unsere Traurigkeit und manchmal wohl auch Verzweiflung gegenseitig tragen, mehr miteinander reden als übereinander, dann sind wir ein unübersehbares und unüberhörbares Zeichen der Menschenfreundlichkeit.

Dann sind die Häuser des EVV erkennbar anders, denn: Menschlichkeit verbindet.

Systremrelevant? Lebensrelevant!

Viele haben genau das bewiesen jetzt in der Zeit der Covid-19-Pandemie: Zusammenhalt, Rücksichtnahme und Empathie.

Gerade jene, die als „Systemrelevant“ bezeichnet werden. Aber es geht nicht um das System, sondern um das Leben der Menschen.

Sie sind „Lebensrelevant“. Ihre Relevanz liegt darin, dass unsere Welt ihre Menschlichkeit nicht verliert.

Wenn wir uns diese Haltung, die erfreulicher Weise viele Menschen zeigen und gezeigt haben, bewahren, dann können wir gemeinsam etwas bewegen, für uns und für andere. Dann werden wir verstanden und verstehen uns auch ohne Worte.

Dann ist Pfingsten! Pfingsten nicht nur in den Kirchen, denn: Pfingsten, das heißt, sich anstecken zu lassen von der Freude am Leben, von der Freude, in einer Gemeinschaft zu leben, von der Leidenschaft füreinder.

Das Feuer der Begeisterung des Pfingstfestes im Jahr 33 kann auch heute noch das Eis zum Schmelzen bringen.

Kann uns auch heute noch aus der Erstarrung lösen und in Bewegung bringen.

Beitrag von Diakon Reinhard Feuersträter, Leiter der Abteilung Seelsorge, Leiter Fachbereich „Christliches Profil“ im EVV, Krankenhausseelsorger, Pastoralpsychologe, Notfallseelsorger, Sozialpädagoge, Supervisor DGfP / KSA sowie Bistumsbeauftragter für Krankenhauspastoral & Palliativmedizin im Bistum Magdeburg.

Foto Reinhard Feuersträter: Marco Warmuth

Beitragsbild Heißluftballons: Walter Lee Olivares de la Cruz / unsplash.com
Kirchenfenster: Marcio Chagas / unsplash.com
Kerzenflammen: Gaelle Marcel / unsplash.com
Segel: Kelly Sikkema / unsplash.com