Schwerpunkt Allgemein, Christliches Profil, Ordensschwestern, Zusammenwachsen

Gedenken an Elisabeth von Thüringen

Am 19.11. feiern wir den Elisabethtag. Die Hl. Elisabeth von Thüringen ist eine der Patroninnen unseres Verbundes. Sie wurde 1207 geboren und starb bereits im Alter von nur 24 Jahren, 1231. Ein kurzes Leben und doch von so beeindruckender Spannweite.

Was hat Elisabeth angetrieben? Was hat sie nicht ruhen lassen? Warum wird diese Frau bis heute verehrt?

Diese Frau stand als Fürstin auf der Sonnenseite des Lebens – und verlor doch nicht den Blick für die Hilflosen und die Ausgelieferten:

Für diejenigen, denen das Notwendigste fehlt und die sich in elementarer Not befanden. Für Menschen ohne Nahrung, ohne Wasser, ohne Heimat, ohne Kleidung, ohne Gesundheit, ohne Freiheit.

Jeder und jede einzelne von diesen Menschen ist ihr so wichtig, weil sie weiß, dass auch ihr ganz persönliches Verhalten ihnen gegenüber über deren Sein oder Nichtsein entscheidet.

Nicht die klangvollen Namen, nicht die ruhmreichen Großen, nicht die auf den Titelseiten, sondern die Namenlosen vom Rande der Gesellschaft werden zum Maßstab ihres Handelns.

Es wäre für sie ein Leichtes gewesen, sich den Mächtigen anzuschließen, damals am Hof auf der Neuenburg oder der Wartburg.

Elisabeth gibt den Geringsten Würde und schenkt ihnen ihre ganze Aufmerksamkeit

Für sie sind sie nicht Objekte der eigenen Großherzigkeit, denen man vielleicht etwas vom Tisch herunterfallen lässt, je nach Geberlaune. Für Elisabeth bleiben sie nicht in der Rolle der erniedrigten Opfer.

Für Elisabeth sind es Menschen, die eine ganz eigene Würde in sich tragen, und diese Würde ist nicht abhängig von Stand oder Geld.

Unsere Welt bedarf auch heute die Perspektive Elisabeths. Den Blick auf die Würde der Menschen, die in Not sind, die Zukunftsängste haben oder mit ihren Erkrankungen in unseren Krankenhäusern kommen.

Nicht, in dem wir uns herablassen, sondern zu ihnen aufschauen.

Nicht indem wir uns herunterbeugen mit all unserem Wissen und unseren Möglichkeiten, sondern uns zu ihnen auf Augenhöhe begeben.

 

 

Haltung zeigen – wie Elisabeth von Thüringen

Die Würde des Menschen ernst nehmen, ganz konkret und praktisch, das ist die Haltung Elisabeths.

Ihr Lebenspfad führte sie von der Fürstentafel zum Armentafel. Vom Herrenhaus zum Hospiz. Aus der Wohlstandsburg hinaus und hinab in die Not der Armen und Kranken.

Elisabeths Geschichte zieht vor unserm Auge vorüber wie ein kurzer Film mit dem Titel: Barmherzigkeit. Dieses Wort, dass so altmodisch klingt und dessen wir alle doch bedürfen.

Einmal trägt sie Brot in vollen Körben aus der Wartburg hinab zu den Hungernden der Stadt Eisenach.

Ein andermal badet sie ein aussätziges Kind, das niemand mehr zu berühren wagt, legt es gar in ihr Bett.

Dann wieder zieht sie vor einer zerlumpten Gestalt ihr Gewand aus und schenkt es diesem Menschen.

Dann sehen wir sie beim Händler: Sie verkauft ihren Schmuck und ihre kostbaren Kleider, um selbst Geld für ihre karitativen Projekte zur Verfügung zu haben.

Elisabeth macht nicht Halt vor dem eigenen Wohlstandsbesitz, sie verlässt sich nicht auf die fürstliche Armenfürsorge.

 

Sich engagieren – wie Elisabeth von Thüringen

Wir würden heute vielleicht sagen, sie verlässt sich nicht darauf, dass der Staat oder die Krankenkassen schon das Notwendige tun werden. Nein, sie engagiert sich selbst.

Als sie mit 20 Jahren Witwe wird, verfährt sie mit ihrem Besitz, als gehöre er ihr nicht.

Sie stiftet ein Hospiz, besucht selbst die Kranken, wischt hier den Schweiß von einer fiebernden Stirn, führt da den Trinkbecher an rissige Lippen.

Ein kurzes, engagiertes, kompromissloses Leben. Ein Leben, in dem Sie, Elisabeth, den Menschen, die Hilfe brauchen, mit Barmherzigkeit begegnet und in ihnen den Mitmenschen sieht.

Elisabeth ist engagierte. Sie ist für das 13. Jahrhundert eine moderne Frau. Sie stellt sich den sozialen Herausforderungen ihrer Zeit.

 

 

Fragen stellen – wie Elisabeth von Thüringen

„Wer hat für das Brot geschwitzt, das auf unserm fürstlichen Tische steht?“

„Unter welchen Bedingungen leben die Schneider die unserer Kleider herstellen?“  

„Wo kommen die Rosen und Früchte im Winter her und wie leben die, die dafür arbeiten?“

Fragen, die auch uns heute bewegen – bewegen müssen, Fragen, die nichts an Aktualität verloren haben.

„Unter welchen Bedingungen werden unsere Kleidungsstücke heute hergestellt, die doch so günstig sind?“

„Wie geht es den Arbeiterinnen und Arbeitern, den Kindern in Bangladesch?“

„Unter welchen Bedingungen schuften Menschen für die Rohstoffe in unseren Handys?“

Wir sehen eine Frau, die auch darin modern ist, dass sie ihr Vermögen nicht einfach wegschenkt, sondern die es vielmehr klug und umsichtig einsetzt, um die Fürsorge strukturell zu verbessern und auf sichere Füße zu stellen.

Verantwortung übernehmen – wie Elisabeth von Thüringen

Als Landesherrin nimmt sie es mit der Verantwortung der so genannten Verantwortungsträger sehr ernst.

Aber sie ist nicht eine, die nur anordnet. Sie tut mit eigenen Händen die schmutzigsten Dienste. Sie schaut den Elenden und Bedürftigen ins Angesicht.

Eine Führungskraft, so würden wir vielleicht heute sagen, die weiß, was ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tun und wie sie es tun, denn sie tut es auch selbst. Unter gleichen Bedingungen.

Auch das können wir von Elisabeth lernen: einfach anzufangen mit dem, was vor den Füßen liegt.

Eigentlich bräuchten wir weder Leitlinien noch Leitbilder. Wir haben doch Elisabeth von Thüringen, die wir im Namen unseres Verbundes tragen.

Sie zeigt uns alles, was wichtig ist. Sie zeigt uns, was unser Denken und Handeln leiten sollte. In ihrem Leben finden wir eine Wertschätzung gegenüber den Menschen, die Ihr begegnen, eine Orientierung an dem, was an Hilfe wirklich nottut, eine Achtung vor allem Leben, eine Offenheit und Transparenz all ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gegenüber, eine Klarheit, die Missstände anspricht und dabei auch nicht locker lässt.

Mit dem, was sie uns durch ihr Leben zeigt, will sie uns in Bewegung bringen.

Was uns diese Elisabeth von Thüringen zeigt, das ist nicht das Außergewöhnliche, etwas für Heilige, sondern es ist das Naheliegende.

Es ist das Alltägliche, zu finden in dem, was uns im Hier und Jetzt, im Alltäglichen begegnet. Und das ist genug.

 

Trägt als Aufsichtsratsvorsitzende Verantwortung für den EVV: Sr. M. Dominika Kinder.

 

Ein Beitrag von Diakon Reinhard Feuersträter ist Leiter der Abteilung Seelsorge, Leiter Fachbereich „Christliches Profil“ im EVV, Krankenhausseelsorger, Pastoralpsychologe, Notfallseelsorger, Sozialpädagoge, Supervisor DGfP / KSA sowie Bistumsbeauftragter für Krankenhauspastoral & Palliativmedizin im Bistum Magdeburg.

Fotos: EVV